PERSPEKTIVE · 01
Altes Erfahrungswissen und moderne Biologie
Kälte, Atem, Stoffe aus dem Regenwald: Vieles, was traditionelle Kulturen seit Generationen anwenden, lässt sich heute biologisch beschreiben. Über den Wert langer Erfahrung – und warum wir weder Romantik noch Abwehr brauchen.
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Erfahrung vor dem Labor
Lange bevor es Mikroskope gab, haben Menschen genau hingeschaut. Sie haben beobachtet, was Kälte mit einem Körper macht, wie sich ein veränderter Atem auf Wachheit und Stimmung auswirkt, welche Pflanzen und Tiere etwas im Organismus in Bewegung bringen. Dieses Wissen wurde nicht in Studien festgehalten, sondern über Generationen weitergegeben – durch Wiederholung, Korrektur und manchmal auch durch Irrtum.
Ich habe mich viele Jahre mit solchen Traditionen beschäftigt, in Gesprächen, auf Reisen und in eigener Praxis. Was mich dabei am meisten beeindruckt, ist nicht das Exotische. Es ist die Genauigkeit. Viele dieser Kulturen wussten sehr präzise, wann ein Reiz hilfreich ist, wie viel davon und in welchem Rahmen. Die Begriffe waren andere. Die Beobachtung war oft erstaunlich treffsicher.
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Kälte: vom Selbstversuch zur Studie
2019 war ich mit Wim Hof in den Schweizer Bergen unterwegs – in Shorts, im Schnee, einen Berg hinauf. Das klingt nach Spektakel, war es aber nicht. Vorausgegangen waren Wochen und Monate mit Atemübungen und täglicher Kälte. Was ich dabei gelernt habe, hat wenig mit Härte zu tun. Es geht um etwas anderes: die Fähigkeit, in einem starken Reiz ruhig zu bleiben und den eigenen Atem nicht zu verlieren.
Lange galt so etwas als Kuriosität oder als genetische Ausnahme eines einzelnen Mannes. Lehrbuchwissen war: Das vegetative – international autonome – Nervensystem und die angeborene Immunabwehr entziehen sich dem Willen. Wim Hof hat sich deshalb bewusst der Forschung zur Verfügung gestellt. 2014 untersuchte eine Arbeitsgruppe an der Radboud-Universität in Nijmegen um Matthijs Kox und Peter Pickkers nicht ihn, sondern ganz normale Freiwillige, die er zuvor in Atemtechnik, Kälte und Konzentration trainiert hatte. Sie bekamen im Labor einen standardisierten Entzündungsreiz. Die trainierte Gruppe schüttete deutlich mehr Adrenalin aus, ihre Entzündungsreaktion fiel messbar schwächer aus, die Grippesymptome milder als in der Kontrollgruppe.
2018 zeigte ein Team der Wayne State University in Detroit mit Bildgebung des Gehirns, dass bei dieser Form der Kälteregulation Hirnareale beteiligt sind, die mit Schmerz- und Stressverarbeitung zu tun haben – das Gehirn wirkt hier tatsächlich auf den Körper. Spätere Arbeiten haben die Effekte bestätigt und zugleich eingeordnet: Eine systematische Übersichtsarbeit von 2024 findet Hinweise auf Wirkungen bei Entzündung und Stress, mahnt aber größere Studien an. Für mich ist das die ehrliche Bilanz. Das vegetative Nervensystem ist dem Willen weniger entzogen, als man lange dachte – trainierbar, nicht beliebig.
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Naturstoffe ohne Mystik
Ähnlich verhält es sich mit Stoffen aus traditionellen Anwendungen. Ein Beispiel, mit dem ich mich besonders intensiv auseinandergesetzt habe, ist das Hautsekret des Amazonas-Baumfrosches Phyllomedusa bicolor, bei uns unter dem Namen Kambo bekannt. Indigene Gruppen nutzen es seit langer Zeit, unter anderem zur Stärkung vor der Jagd.
Der italienische Pharmakologe Vittorio Erspamer hat dieses Sekret bereits 1993 systematisch untersucht und eine ganze Reihe bioaktiver Peptide beschrieben – kurze Eiweißketten, die an Rezeptoren des Körpers andocken und unter anderem auf Gefäße, Verdauung und Schmerzwahrnehmung wirken. In Deutschland hat Meike Hermkes 2022 eine medizinische Dissertation zur Anwendung, zu den Beweggründen und zu den subjektiv erlebten Effekten vorgelegt. Das ist keine Werbung für eine Methode. Es zeigt nur, dass man über solche Dinge nüchtern sprechen kann: in der Sprache von Rezeptoren, Dosis und Wirkung statt in der Sprache von Wundern.
Zur Ehrlichkeit gehört auch: Die Forschungslage zu vielen traditionellen Anwendungen ist dünn. Es gibt Hinweise, Fallberichte, Laborbefunde – und es gibt Risiken. Wer damit arbeitet, trägt Verantwortung. Für Vorgespräch, Vorbereitung, Gegenanzeigen und eine ehrliche Einschätzung, wann man etwas besser lässt.
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Federn sind keine Kompetenz
Was mich an der aktuellen Entwicklung stört, ist etwas anderes. In den letzten Jahren ist rund um alte Traditionen ein Markt entstanden. Zeremonien werden zum Wochenend-Event, Atemarbeit zur Show, und manchmal wirkt das Kostüm wichtiger als das Können. Federn, Bemalung und fremde Begriffe ersetzen keine Erfahrung. Sie verdecken eher, dass sie fehlt.
Ich halte es umgekehrt. Mich interessiert die Essenz dieser Traditionen: Präsenz, ein gut gehaltener Rahmen, Respekt vor dem, was geschieht, und eine sorgfältige Nachbereitung. Das lässt sich in unsere westliche Lebensrealität übersetzen, ohne etwas zu kopieren, das nicht zu uns gehört. Die Menschen, die ich begleite, leben in Städten, führen Teams, haben Familien. Ihnen hilft keine Inszenierung. Ihnen hilft, was im Alltag trägt.
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Zwei Sprachen für dieselbe Sache
Für mich ergänzen sich beide Welten. Die Wissenschaft liefert Mechanismen, Messbarkeit und Grenzen. Sie schützt vor Überhöhung. Die Tradition liefert etwas, das im Labor schwer zu erfassen ist: Haltung, Rhythmus, die Einbettung einer Erfahrung in ein größeres Ganzes. Ohne die erste wird es schnell beliebig. Ohne die zweite oft mechanisch.
Ich komme selbst aus einer sehr rationalen Welt. Über zwei Jahrzehnte habe ich in Unternehmen Systeme verantwortet, in denen jede Annahme überprüfbar sein musste. Diese Gewohnheit habe ich nie abgelegt. Ich habe nur gelernt, dass manches erst erlebt werden muss, bevor es sich sinnvoll untersuchen lässt. Und dass man beides tun kann: offen sein und genau bleiben.
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Eine klare Grenze
Nichts davon ersetzt eine ärztliche Abklärung oder Behandlung. Bei Erkrankungen, Medikamenten oder psychischen Krisen gehört die Entscheidung in fachkundige Hände. Erfahrungswissen und körperliche Regulation können Selbstverantwortung stärken und einen neuen Zugang zu sich selbst öffnen. Sie sind kein Heilsversprechen.
In den kommenden Monaten werde ich einzelne dieser Themen hier genauer betrachten – Atemarbeit, Kälte, bioaktive Peptide. Jeweils mit dem, was belegt ist, und dem, was ich aus der Praxis kenne.